transmuthatio - Die Macht der Phantasie
 

   Das Buch: transmuthatio   Das Bild: Hermaphrodit   Die Kunst: Michael Maschka

 

Melancholio (Michael Maschka)

Melancholio
(Michael Maschka, 2020)
 

Ich, MELANCHOLIO
Oder: Die Magie eines modernen Meisterwerks

© Markus Muth, 2020

Dürers Meisterstich Melencolia I, den, so vermute ich, wahrscheinlich wohl jeder von uns kennt, hat mich schon von jeher fasziniert. Das erste Mal sah ich ihn bereits als Kind als ich in einem dicken Buch mit vielen interessanten Bildern blätterte. Obwohl ich seinerzeit des Lesens noch nicht kundig war, tat ich es gern den Erwachsenen nach und steckte meine Nase neugierig in eines der unzähligen Bücher, die es bei uns zur Genüge gab. Tief in die Materie versenkt saß ich vergnügt da und las – wenn auch nur die Abbildungen. Ich tauchte förmlich ein in sie und durchwanderte mit meinen Augen die unglaublichen Phantasiewelten, die sich mir in ihnen eröffneten. Ich machte mir diese Welten zu eigen, träumte mich hinein, lebte in ihnen, schritt deren Längen und Breiten, jede Ecke und jeden Winkel ab und verinnerlichte selbst winzigste Details mit einer Intensität und ungeteilter Aufmerksamkeit, dass Besucher oft über den wissbegierigen, still vor sich hin schmökernden Knirps schmunzeln mussten und sich scherzend in ihren Ideen überboten haben, was aus dem Knaben einst mal werden würde.

Lang ist es her und heute schmunzle ich, wenn Erinnerungen an diese unbeschwerte Zeit sich unvermittelt in meine vom Alltagstrott verschatteten Gedankengänge mischen und mich innehalten lassen. Viel ist geschehen seit jenen frühen Tagen und doch hat sich manches, was ich vor Jahrzehnten mit kindlicher Unvoreingenommenheit betrachtet und eingehend studiert habe, so sehr in meinem Gedächtnis eingeprägt, dass es mich mein Leben lang, wie ein treuer Freund, begleitet hat. Hierzu zählt u.a. auch Dürers Melencolia I. Jene melancholisch verträumte Bildkomposition träger, frühnachmittäglicher Verschlafenheit, die tiefsinnig rätselhaft, gravitätisch und bedeutungsschwer für mich stets nach alten Geheimnissen roch und mich immer wieder in ihren Bann zog, wenn ich ihr bewusst oder rein zufällig begegnete: In Ausstellungen über den Künstler selbst oder in solchen über seine Zeit und deren Geist, Renaissance und Humanismus. Oder völlig unverhofft in Büchern und Zeitschriften, im Internet, im Fernsehen oder gar auf Plakaten, mal als zentraler Gegenstand der Diskussion, mal als schmückendes, eher belanglos nebensächlich eingeflochtenes Beiwerk.

Meine über die Jahre im Kreis laufenden, in sich verknotenden Fragen und in Zirkelschlüssen mündenden Interpretationen und Deutungsversuche zur Ikonographie des allbekannten Meisterwerks Dürers möchte ich den Lesern ersparen. Ich bin kein Kunsthistoriker, kein Psychoanalytiker, kein Traumdeuter. Und auch kein Esoteriker, der in Melencolia I die ultimative Antwort auf die Frage aller Fragen gefunden zu haben meint. Literatur, die sich textreich mit Dürers Melencolia I aus jedem nur erdenklichen Blickwinkel beschäftigt, gibt es ohnehin schon zuhauf. So muss ich mich nicht bemüßigen, auch noch meinen Senf hinzuzudichten und weltwichtig zu Markte tragen. Was mir aber unter den Nägeln brennt, ist, ausgehend von Dürers Meisterstich, etwas anderes in einen Text zu gießen und im Kern für die Nachwelt festzuhalten: Ich will berichten von Michael Maschkas Melancholio, einem ebenso magischen Meisterwerk neueren Datums. Und über das Wunder, das es vollbracht hat.

Hierzu muss ich allerdings noch einmal einen kurzen Schwenk in die Zeit meiner Kindheit tun, in der ich tausende und abertausende von Bildern „las”, die sich schon vor meiner Schulzeit zu einer mir ganz eigenen Vorstellungs- und Gedankenwelt zusammengepuzzelt und verfestigt hatten. Einer phantastischen Welt, in der es von Figuren und Wesen aller Art nur so wimmelte, denn ich „las” nicht nur griechische und römische Klassiker, nordische, indische und altpersische Epen und Heldensagen, mittelalterliche Versgedichte und frühneuzeitliche Lyrik, sondern auch zahllose Abbildungen von Gemälden und Stichen biblischer Geschichten, in welchen beflügelte Engel auftraten, alttestamentarische Patriarchen und vollbärtige Könige einherschritten oder strubbelbärtige Propheten und rauschebärtige Apostel mal Unheil verkündeten, mal Heil predigten. Geschichten von überwiegend bärtigen Männern in langen Roben und wallenden Gewändern, die nicht selten mit himmlischen Wesen interagierten, die ihrerseits mit gegürteten Schwertern in meist rein weißen Sommerkleidern dargestellt waren. In meinen Vorstellungen trugen Männer Bart. Und Kleider. So, wie es für mich eine unverrückbare Selbstverständlichkeit war, dass Engel nicht nur Flügel hatten, sondern stets auch Schwert und Kleid trugen. Mit all diesem Gedankengut im Gepäck, und nicht minder wenigen meiner eigenen unbefangenen und blitzgescheiten Ideen, stieß ich irgendwann im zarten Kindesalter auf Melencolia I. Ich erblickte in der glattgesichtigen Gestalt, die Albrecht Dürer rechts im Bild in üppiger Kleiderpracht auf einer niedrigen Steinstufe abgesetzt hatte, sofort einen Engel, einen himmlischen Boten, einen Lichtgeborenen. Dürers Meisterwerk prägte sich, im Gegensatz zu der Vielzahl im Laufe der Jahre verschwimmenden und ineinander verlaufenden Bilder, Vorstellungen und Träume meiner Kindheit, scharf konturiert in meinem Sinn ein, was zum einen daran gelegen haben mag, dass sich mir die Geschichte, die sich zweifelsohne hinter dem Sichtbaren verborgen hielt, nicht gleich erschloss und ich trotz meines unermesslichen Einfallsreichtums auf Anhieb auch keine eigene dazu erfinden konnte. Das dumpfe Grübeln des in schwebender Stille verdrießlich dreinblickenden Engels fesselte mich und ließ mich nicht mehr los. Warum saß er überhaupt da? So untätig. Und über welch dunklen Geheimnissen brütete er? Die Antwort schien direkt vor mir zu liegen und doch konnte ich sie nicht greifen. … Zum anderen blieb mir der Kupferstich wohl deshalb im Sinn, weil er, wie weiter oben bereits angedeutet, sich wie ein falscher Fuffziger erdreistete, immer wieder meine Bahnen zu kreuzen, so als ob er sich absichtlich in Erinnerung bringen und mich neckend auffordern wollte, endlich die Lösung für das latent schwelende, faustische Geheimnis zu (er)finden. Und nicht zuletzt drittens, weil ich mir im Laufe meines Lebens selbst ein saturnisch melancholisches Gemüt zugelegt hatte, das mir seither ermöglichte, mich in die Figur am rechten Bildrand hineinzuversetzen, mich mit ihr zu identifizieren und hinwegzuträumen.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass ich in einem reiferen Alter – welches leider dazu neigt, Wahrheiten, die Auge und Herz einst intuitiv auf Treu und Glauben erkannt haben, durch das sich später in den Vordergrund drängende Denken ins Reich der Fabeln und Märchen abzuschieben, um die inneren Aufschlüsse von ehemals wieder zunichte zu machen – viel über Kunst, Geschichte, Künstler und deren Leben las, mich auch mit Dürer und Melencolia I beschäftigte. Manches, was ich erfuhr, gefiel mir und fügte sich nahtlos in meinen Kosmos ein, anderes fühlte sich für mich schief bis falsch an und schied für mich aus, aber eines widerstrebte mir komplett: Viele sahen in der schwarzgallig dunkelblütig sinnenden Figur mit ihrem nach einem Loch im Gewebe der Wirklichkeit Ausschau haltenden, in unbestimmte Ferne gerichteten Blick, die mir so vertraut geworden war, die ich so liebgewonnen und verinnerlicht hatte, eine weibliche Gestalt, eine Frau mit Flügeln oder einfach nur eine simple Allegorie der Melancholie. Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein. Doch wo immer sich mir die Gelegenheit bot und ich mich mit Freunden wie auch Fremden hierüber besprach, war nie ein für mich befriedigendes, abschließendes Ergebnis zustande gekommen. Gab es denn überhaupt eines?

Unvergessen bleibt mir in diesem Zusammenhang ein angeregtes Tischgespräch, welches nach dem schmackhaften Essen, das meine Frau uns und unserem Gast, Michael Maschka, bereitet hatte, unvermerkter Weise in diese Richtung driftete. In einer leicht angeheiterten, weinseligen Atmosphäre diskutierten wir bei Kerzenschein und Leckereien bis tief in die Nacht über das Wesen des Schönen an sich und dessen Einfluss auf die Kunst im Laufe der Epochen. Während wir auf die in Kunstwerken eingebetteten Sinnbilder und Symbole tausenderlei Bedeutungen, deren vollständige Deutungen sich manchmal der menschlichen Vernunft völlig zu verschließen scheinen, zusprach kamen, meldete sich selbstredend auch Dürers Melencolia I zurück. Und so bot sich mir, hoffte ich, die einmalige Gelegenheit, endlich eine Handvoll Gewissheit aus bewährtem Munde zu erhaschen. Der Ouroboros meiner Gedanken, die sich wegen der Dürerschen Darstellung seit ewigen Zeiten in den eigenen Schwanz bissen, sollte bezwungen werden. Und je weiter der Abend gen Mitternacht voranschritt, und Michael und ich das Für und Wider von beflügelter Frau versus materialisierter Engel erörterten, desto eher schien tatsächlich der Funke des Verstehens auf uns überzuspringen. Doch schon am nächsten Morgen hatten sich unsere Erkenntnisse wortlos verflüchtigt. Übrig blieb nur der Nachhall ferner Zeiten, vages Wissen, das sich schon wieder im Dunst und Nebel alter Mythen verlor.

Einige Tage nach dem Treffen formte sich jedoch eine, meinen unbeirrt fortgesponnen Gedanken geschuldete Idee in mir heran: Mich hatte die Lust angefallen, meine These zu beweisen. Dazu wollte ich die Dürersche Szene in persona nachstellen. Da ich kein Engelsgewand zur Hand hatte, schlüpfte ich kurzerhand in ein Leinenkleid im Landhausstil, von dem ich mir erhoffte, dass es sich in sitzender Pose leicht als altorientalisches Gewand inszenieren ließ. In meiner Bibliothek hatte ich für meine Kulisse schnell einen Stapel Bücher beisammen, auf die ich mich hierzu setzen konnte. In Ermangelung eines großen Zirkels für die Hand und diverser anderer Utensilien, die bei Dürer fast achtlos über das Bild verstreut am Boden herumlagen, nahm ich eine Glaskugel in meine Rechte und platzierte, um den Engel besser herauszuarbeiten, ein Theaterschwert aus meinem Fundus neben mich, denn Engel, das wusste ich schließlich, führten immer ein Schwert mit sich. Und tatsächlich gelang mir nach einigen vergeblichen Versuchen mit dem Selbstauslöser, ein halbwegs brauchbares, wenn auch flügelloses „Beweisfoto”, welches ich Michael Maschka ohne große Erklärungen einfach per eMail schickte. Es entwickelte sich infolge eine kurzweilige, über mehrere Etappen reichende, abermalige Vertiefung in das Thema, aber am Ende doch für mich ohne Lösung im Sande verlaufende Korrespondenz zur „Kernfrage”, zumal die Wirren und Nöte des Alltags mich wieder in ihren Würgegriff genommen und die Dinge, nach denen die Seele sich zu strecken versucht, in den Hintergrund gedrängt hatten.

Das Leben ging seine gewohnten Bahnen. Die Zeit verstrich im Fluge. So, wie sie es immer zu tun pflegt, wenn man ihr keine besondere Beachtung schenkt. Die Geschehnisse und längst verklungenen Worte jenes denkwürdigen Abends waren, zusammen mit meiner kleinen Nebenrolle in dem Lustspiel rund um das historisierende Foto, wie vieles andere auch, bereits auf den Bodensatz meiner verblassenden Erinnerungen hinabgesunken, als ich eine unerwartete eMail von Michael Maschka erhielt. Betreff: Melancholio. Neugierig öffnete ich die angehängte Datei und „Peng!”, fand ich mich plötzlich, inmitten einer mir vertrauten Umgebung, in einer von vergangenen und künftigen Zeiten kündenden Bildwelt wieder: Auf einem Stoß von Büchern hockend, die sich vor einem mit Folianten voll nutzlosen Wissens, sonderbaren Seltsamkeiten und Kuriosa aller Art überbordenden Regal stapelten, vom aussichtslosen Studium einer Glaskugel aufblickend, sah ich mich als eben den bebarteten Himmelsboten, den ich immer in Dürers Melencolia I dort an dieser Stelle gefühlt hatte sitzen sehen. Mit einem Ausdruck irgendwo zwischen abfallendem Traum und allmählich aufkeimendem Trotz blickte ich mir aus der Grafik heraus nun selbst entgegen. Mit aufgesperrtem Mund vergrößerte ich die Darstellung auf meinem Bildschirm und begann die Details zu studieren.

Vordergründig betrachtet sah Michael Maschkas Grafik Melancholio dem Kupferstich Melencolia I Albrecht Dürers recht ähnlich. Doch schon beim zweiten Hinsehen fielen mir teils subtile, teils radikale Veränderungen auf, die geschickt unter Beibehaltung des wesenswichtigen Gesamteindrucks eingebracht worden waren. Michael hatte Dürer nicht einfach kopiert und ein eitles Abbild meiner Wenigkeit semi-kreativ in dessen Werk verfrachtet, sondern in einer konsequenten Fortsetzung und logischen Weiterentwicklung der ursprünglichen Collage kraftvoller und wirkmächtiger Symbole und der ihnen zugrunde liegenden, immer noch gültigen Fragestellung mit den starken Vokabeln und Metaphern seiner eigenen Bildsprache bedacht. Im altbekannten Rahmen eingepasst erblickte ich eine ganze Reihe eigener Bildzitate Michaels, die wesentliche Teile der überlieferten Komposition gekonnt ersetzten, manche als griffige Synonyme, andere als tiefgründige Übersetzungen, doch auch solche, die das Werk unter neuer Autorschaft aktualisiert fortschrieben. Selbst für jemanden wie mich, der sich bewaffnet mit der bärtigen Weisheit eines langen Lebens und des ihm verfügbaren Kontextwissens über die Künstler und deren Schaffen an einen Vergleich der beiden Werke wagen wollte, war und blieb es ein schwieriges Unterfangen, die Komplexität von Melencolia I und Melancholio, die Prosa und Poesie zugleich sind, einer semantischen Analyse zu unterwerfen. Und doch versuchte ich, sie auf die Eloquenz und Epitheta ihrer bildlichen Sprachelemente und Idiome hin zu untersuchten.

Michael Maschka hat in seinem Melancholio die graudämmerige Grundstimmung des in bleiernen Schlaf versinkenden Melencolia I Albrecht Dürers Leben und Bewegung eingehaucht. Den bei Dürer noch zusammengerollt am Boden liegenden, nun schon seit über 500 Jahren schlafenden Hund hat er geweckt. Ihn aufgeschreckt durch den Schrei eines brüllenden Affen, den er anstatt des bei Dürer auf einem Mühlstein hockenden, selig sinnlos, dumpf vor sich hindösenden Putto auf eine übergroße Uhr gesetzt hat. Eine Art Weltuntergangsuhr, die für jedermann ersichtlich „Fünf vor Zwölf” zeigt und laut weiter tickt. Der Warnschrei lässt sich als Weckruf deuten, dass es höchste Zeit ist. Oder ist es ein Angstschrei? Ist es möglicherweise schon zu spät? Das links im Bild zu sehende Schiff scheint bereits die Anker gelichtet und in Richtung Neue Welt unterwegs zu sein. Einer anderen, besseren Welt? Die bei Dürer, wie zu Schönheit und Zier angebrachte, sich noch im Gleichgewicht befindliche Balkenwaage wurde jetzt und hier beim Wiegen des Herzens völlig aus dem Lot geworfen. In Verbindung mit der bereits hienieden gebrochenen Sprosse der am Regal lehnenden Leiter, die über verstaubtes Buchwissen hinaus zum Tempel höherer Erkenntnisse und metaphysischer Erleuchtung gen Himmel strebt, lässt dies erahnen, dass menschlicher Wunsch und Wille allein zum Scheitern verurteilt sind, wenn die Beweggründe hierzu nicht stimmen. Auch das achtlos am Boden wie nutzloser Ballast hingeworfene Hirn zeigt die Grenzen menschlicher Vernunft im Angesicht der prekären Lage auf. Jenes mag aber auch für die Enthirnung des modernen Menschen an sich stehen, der betreutes Denken der eigenen Ratio vorzieht und daher wie der mit Gewichten beschwerte, metopische Schädel, dem anstelle der ausgeschlagenen Zähne ein blindes Glasauge in den Mund gesteckt wurde, zu Boden niedergedrückt, nichts sehend, nichts ahnend sein blutloses Dasein dahinfristet. Der leere, umgekippte Kelch, der für das nutzlos verflossene Leben stehen könnte, rundet das auf den ersten Blick bittere bis betrübliche Bild ab, das den schwermütigen Geist eines vanitas vanitatum atmet. Und trotz aller Bitternis und Verdrossenheit, die unser irdisches Dasein prägt, trotz aller Melancholie, die ich in Melancholio als Gleichnis hierfür erblickt habe, hat Michael Maschka auch das Schöne dieser unseren Welt in seiner Grafik illustriert. In dem bei Albrecht Dürer als Archetyp und Ideal des Schönen dargestellten, geometrisch perfekt konstruierten, polyedrischen Körper, hat Michael zusätzlich ein vitruvianisch inspiriertes, ästhetisches Ebenbild eines wohlgeformten, perfekt proportionierten, menschlichen Leibes weiblicher Natur eingepflanzt. Nackt und verletzlich, und doch so vollkommen. Ein Lichtblick inmitten von Düsterkeit und Trübsinn? Ein Hoffnungsschimmer? Eine Aufforderung, mit ihr insbesondere auch die wunderbaren Dinge in Augenschein zu nehmen? Ich denke: ja.

Noch eine Randbemerkung sei mir gestattet: Hätte Michael Maschka sein Werk nicht für das geübte Auge im Bild selbst datiert, könnte ein aufmerksamer Betrachter das frühestmögliche Entstehungsdatum des modernen Meisterwerks wie folgt erschließen: Zwischen den voluminösen Bänden der Bücherwand, von denen einer das Symbol der Erde und der siebente die vieldeutige Zahl Sieben, die Quersumme der Quersumme des magischen Quadrats bei Dürer, auf dem Rücken trägt, und minutiös beschrifteten Apothekerfläschchen mit allerlei Mitteln und Wässerchen, hat er, als Kragen einer altspanischen Hoftracht getarnt, eine virulente Geißel unserer Zeit hinter der Fratze einer stilisierten Pestmaske versteckt. Hätten Sie es gesehen?

Für mich war Michael Maschka schon immer ein Magier, der anstelle eines Zauberstabs einen Pinsel schwingt, mit dem er vor aller Augen Unglaubliches entstehen lassen kann. Und das mit einer souveränen Leichtigkeit, die unsereins nur Staunen bereitet. Dieses Mal hat er mich allerdings mit einer erfrischend inspirierenden, meisterlichen Radierung überrascht. In einer Zeit der Herausforderungen und Umbrüche, in der der Mensch sowohl seine Wurzeln wie auch seine Bestimmung leicht aus dem Auge verlieren kann, hat Michael Maschka uns seine Grafik Melancholio geschenkt, die mit virtuosen, von tempus fugit bis memento mori, von alchimistisch okkulten bis plakativ offensichtlichen Symbolen und Sinnbildern gespickt, von Anklängen der Renaissance bis in die Moderne und darüber hinaus reicht. Mit Melancholio hat er etwas wahrlich Großes geschaffen und ganz nebenbei auch noch für mich persönlich ein Wunder vollbracht: Er hat Dürers Melencolia I ein unserer Zeit gemäßeres, modernes Meisterwerk an die Seite gestellt und gleichzeitig, wie ein Zauberer, eine der zentralen Fragen meines Lebens gelöst, indem er mich und das sehnsüchtige Suchen meines inneren Wesens als eben jene Figur in die Seelenlandschaft meiner eigenen Vorstellungswelt hineinprojiziert hat, die mich zeitlebens begleitet und beschäftigt hat. Danke, Michael. Du bist ein Genie!

Mein Fazit: Melancholio ist kein neu aufgelegtes, lau aufgewärmtes Melencolia I Dürers, sondern durch und durch „ein echter Maschka“.


Epilog

An diesseitigen Gestaden sitzend, sehe ich in der Figur des MELANCHOLIO verkörpert, aus genau dem Bild heraus, in welches ich, meiner inneren Wirklichkeit halber, schon seit unvordenklichen Zeiten gehört habe, und werde fortan wachen Auges das wahre Geheimnis wahren und hüten, das ich im vorliegenden Text nicht entzaubert habe, damit künftige Generationen von Suchenden sich mit der nach mir benannten, meisterlichen Grafik Michael Maschkas auseinandersetzen, eigene Fragen stellen und eigene Antworten finden mögen.

Und wenn dereinst der letzte Gedanke gedacht, das letzte Wort formuliert, die letzte Tat vollbracht und damit auch das letzte Geheimnis gelüftet sein wird, wenn die Zeit selbst zu Ende geht, wird MELANCHOLIO das Glaskugeln und Trübsinnen fahren lassen, sich sein Schwert ergreifend erheben, die mächtigen Flügel schwingend die ihn noch an die niedere Materie fesselnde Fußkette sprengen und hinausfliegen in eine von Gemeinplätzen des Daseins freie Welt, um der ihm seit Erdenurbeginn beschiedenen Bestimmung zu begegnen.

Ich, MELANCHOLIO, habe gesprochen.

 


© M. Muth
Last Update: 07.07.2020


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